Harter Kampf gegen Mülheim

von am 15. Dezember 2018 in Nachrichten

Harter Kampf gegen Mülheim
Brett 1: Kacper Piorun und David Navara

Dresden in der Vorweih­nachtszeit – das wird langsam zu einer schönen Tradition. Für die Schrei­berin „das ganze Paket“: Am Freitag­abend zum ersten Mal in der Semperoper, die Bundes­li­ga­wett­kämpfe, das Wieder­sehen mit Schach­freunden und die ganze Stadt in Weihnachts­stimmung.

Wieder wird im Rathaus gespielt. Von meinem Hotel in Radebeul aus fahre ich direkt mit der Straßenbahn zum Spiel­lokal und erlebe dabei den berühmten „Canaletto-Blick“ über die Elbe auf das alte Dresden, dann den Altmarkt, der dieser Tage ein Weihnachts­markt ist, und natürlich wuselnde Menschen mit Einkaufs­tüten beim Geschenke Kaufen.

Im Rathaus angekommen, geht man wieder die opulente Treppe hinauf und wird sogleich einge­stimmt auf einen vollen Saal mit Wettkampf­spannung in der Luft. Aber diesmal: Saal – ja, aber nicht voll. Zum Spiel­beginn um 14 Uhr sind gerade zwei Mülheimer Spieler an den Brettern, und auch die Schach­freunde sind noch nicht ganz vollzählig. Auf den überfüllten Straßen und Parkplätzen verlieren manche die ersten Minuten ihrer Bedenkzeit.

Heute spielen also die Schach­freunde gegen Mülheim. Mülheim muss langsam Punkte auf die Tabelle bringen, noch steht da an Mannschafts­punkten nix. Warum also nicht gegen die Schach­freunde damit beginnen? Beide Mannschaften sind also stark besetzt. Die Spitzen­paarung beispiels­weise lautet David Navara gegen Kacper Piorun. Bis ans letzte Brett haben die Schach­freunde überall kleine ELO-Nachteile, die Mülheimer sind also leicht favori­siert.

16 Uhr. Das Mittel­spiel ist überall in vollem Gange, die Köpfe rauchen. Die Bretter 2 und 3 sehen aus Berliner Sicht nicht gut aus. Wojciech (er hat vermutlich 14. Da5+ übersehen) und Ilja haben je einen Bauern weniger. Während Ilja keine Kompen­sation hat und nun gegen Daniel Fridman eine schwere Vertei­digung im Doppel­tur­mend­spiel vor sich hat, kommt Wojciech nun endlich zur Rochade. Richtig gut auf Brett und Uhr – er hat eine Stunde mehr Zeit als sein Gegner – steht Marco an Brett 6. Aber auch bei Jan und Peter sieht es freundlich aus.

Die Bretter 2 und 3 gehen sehr schnell fast gleich­zeitig verloren. Peters Partie wird (leider nur) Remis. Doch 5 Partien sind offen, wovon einige deutlich besser (Bretter 4, 6 und 8), der Rest etwa ausge­glichen steht. Doch dann passieren seltsame Dinge.

Kacper verlor vermutlich irgendwie den Faden. In ausge­gli­chener Stellung, um den 20. Zug herum (Schwarz ist nicht in Gefahr, hat die bessere Bauern­struktur und ist im Besitz der d-Linie, vermutlich steht er leicht besser), kippte die Partie und plötzlich war das entste­hende Endspiel verloren. Was ist da passiert? Ist das das Highlevel-Schach, das dem Kiebitz meines Niveaus nicht zugänglich ist? Kleine Ungenau­ig­keiten von Schwarz scheinen sich summiert zu haben, David Navara (ELO 2740) hat die besseren Entschei­dungen getroffen und im Endspiel keine Luft mehr ‘range­lassen. Ich habe im Anschluss versucht, der Analyse der beiden zumindest teilweise zu folgen. Die Analyse in Polnisch in rasendem Tempo, David Navaras Finger huschten so schnell mit den Figuren übers Brett, und waren doch zu langsam, um seinen Gedanken zu folgen.

Marco steht immer besser! In einer Sämisch-Variante im Königs­in­disch attackiert er mit Weiß am Königs­flügel, Schwarz am Damen­flügel. Weiß ist schneller und hat zudem seine Königs­si­cherheit viel besser im Griff. Weiße Bauern werden bis auf h6 und g5 vorge­trieben, der schwarze Sf6 muss weichen, es folgt der Tausch der schwarz­feld­rigen Läufer, 20. Dd4+ (vielleicht hat Marcos Gegner diesen Zwischenzug übersehen?) und plötzlich kann Weiß wie nebenbei den wichtigen Bauern auf b5 naschen. Da ist nicht nur ein Bauer ersatzlos verschwunden, da löst sich auch das schwarze Gegen­spiel in Luft auf. Das sah alles so leicht aus! Der weiße unrochierte König steht – bauernlos – auf f2 verblüffend sicher. Marco fährt diese heraus­ge­spielte Gewinn­stellung sicher nach Hause. Das war lehrbuchreif, meine persön­liche Partie des Tages! Es sollte leider der einzige Sieg für die Schach­freunde bleiben.

Meine Engine sah Jan ebenfalls klar auf der Sieger­straße. Nachdem er dominant steht mit sehr gut koordi­nierten Figuren, bildet er einfach einen Freibauern auf der c-Linie. Dann folgt auch noch das starke Quali­täts­opfer Txa8 und nun sollte Schwarz erledigt sein... Doch so einfach, wie mein überbor­dender Optimismus verheißt, ist es nicht. Nach 39. c7 steht Jan laut Fritz bei +5,3 (= haushoch gewonnen). Dd1 wäre nun ein starker Zug, der auf die schwarze Grund­reihe gerichtet ist und zugleich alle Drohungen der schwarzen Dame überwacht. Doch statt dessen zieht Jan 40. Sd6?. Sieht erst mal gut aus: droht einzügig Matt auf f7 und hilft dem c-Bauern bei der Umwandlung, übersieht jedoch den schwarzen Konter Th8!. Dieser Zug fällt Schwarz praktisch in den Schoß, denn er muss ja das Matt abwehren, Platz für seinen König schaffen und einen anderen Zug, der diesen Zweck erfüllt, hat er nicht (40. Kg7 verliert sofort nach 41. Txf7+ Kg6, 42. Th7+ Kg5, 43. Sf7 Matt). Auch 40. Dc1+, 41. Kg2 Dc6+, 42. De4 ist keine Rettung. Aus dem Nichts also kommt dieser als Vertei­di­gungszug getarnte Punch Th8! Der Turm greift zugleich h2 und den weißen König an. Plötzlich hat Weiß ein ernstes Problem, aber die Zeitkon­trolle ist geschafft. Weiß kann den Schocker wegstecken und muss den Läufer opfern, um den Angriff zu parieren. Der „Lohn“ ist Dauer­schach. Immerhin. Aber viel zu wenig angesichts der heraus­ge­spielten Stellung nur wenige Züge zuvor. Das sind so die Momente, in denen ich Schach ungerecht finde. Schwarz ist so was von tot, und dann ist da so ein Punch in der Stellung, dass Weiß sogar Glück braucht, um das Remis zu erzielen. Ich werde Jan mal fragen, was er gefühls­mäßig in diesen Momenten durch­ge­macht hat.

Krzysztof kam leider über ein Remis nicht hinaus, obwohl er die ganze Partie über versuchte, kleine Unwuchten in der Stellung zu erzeugen. Schließlich fand sein Gegner mit den Bauern­zügen b4 - b5 - b6 mit nachfol­gendem Dauer­schach eine aktive Remis-Idee.

Emil kam wieder in schreck­liche Zeitnot. Schon bald (nach 20 Zügen) spielt er auf dem Inkrement, ließ dabei die Uhr einmal bis auf 3 Sekunden runter­laufen. Mannschafts­leiter Lars war not amused. Als Emil im 26. Zug Te1 nicht findet und damit einen sofor­tigen Figuren­gewinn verpasst, fange auch ich an, mir Sorgen zu machen. Schließlich entgleitet ihm die Partie komplett, nach einem Quali­täts­opfer mit nachfol­gendem Abtausch fast aller Figuren findet er sich in einem aussichts­losen Endspiel mit Springer gegen Turm wieder, und das bei schlechter Bauern­struktur.

Schachfreunde Berlin   2½ : 5½   SV Mülheim Nord
Piorun, Kacper          0 : 1    Navara, David
Moranda, Wojciech       0 : 1    Tregubov, Pavel
Schneider, Ilja         0 : 1    Fridman, David
Sprenger, Jan Michael   ½ : ½    Feygin, Michael
Schreiner, Peter        ½ : ½    Saltaev, Mihail
Baldauf, Marco          1 : 0    Hausrath, Daniel
Jakubowski, Krzysztof   ½ : ½    Zelbel, Patrick
Schmiedek, Emil         0 : 1    Dinstuhl, Volkmar

Am Ende kassieren die Schach­freunde eine viel zu hohe Niederlage. Das Ergebnis hätte auch 4 : 4 oder noch besser für die Schach­freunde lauten können. Sehr schade. Gehen wir davon aus, dass das Kontingent an Pech für dieses Wochenende heute verbraucht wurde, dann könnte morgen gegen Werder Bremen (die 5:3 gegen Dresden verloren) etwas gehen. Gute Nacht und viel Glück morgen!

Seite drucken

1 KommentarKommentieren

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen