Europapokal Runde 6+7: Mit Hängen und Würgen

von am 22. Oktober 2018 in Nachrichten

Europapokal Runde 6+7: Mit Hängen und Würgen
Runde 4 gegen Molodezhka, Foto: Niki Riga

(von Jan Sprenger aus Porto Carras)

Der verpasste Sieg gegen Werder Bremen in Runde 5 bedeutete zugleich das Ende unserer Träume von einer Platzierung in den Top Ten. Mit zwei abschlie­ßenden Siegen gegen schwä­chere Teams konnten wir aber noch auf “+2” kommen und das Turnier in der Nähe unserer Start­po­sition beenden. Gesagt, getan---nur die Umsetzung trieb den Puls unseres Kapitäns Rainer Polzin mehr als einmal in schwin­del­erre­gende Höhen.

Runde 6:

In Runde sechs mussten wir die äußerst machbare Aufgabe Wirtzfeld (Belgien) lösen, die zwar einen Großmeister am ersten Brett aufweisen konnten, dahinter aber deutlich abfielen. Unser 4-2-Sieg zeichnete sich schnell ab, fiel aber hinter den Erwar­tungen zurück. Ich verpasste am Spitzen­brett in Zeitnot den Gewinn (oder vielmehr, ich traute mich nicht, den gewinn­brin­genden Zug auszu­führen). Marco konnte seinen Mehrbauern im Doppel­tur­mend­spiel nicht verwerten, Alex wurde mit den schwarzen Steinen von seinem Gegner zum Remis ausge­bremst, und auch Rainer durch­brach die solide Vertei­digung seiner Gegnerin nicht. Dafür feierte Dennes einen ersten Sieg in einer insgesamt überzeu­genden Partie und auch Henrik gewann ein Endspiel mit Läuferpaar. 4-2 war weniger als das erhoffte Massaker, aber immerhin ein ungefähr­deter Sieg.

Runde 7:

Die Schluss­runde präsen­tierte uns mit dem litauisch-russi­schen Team von Overtime, das ebenfalls  schwächer als wir einzu­schätzen war. Zumal Spitzen­brett Alexander Khalifman pausierte---vielleicht um sich einer Detox-Behandlung im hotel­ei­genen Wellness-Bereich zu unter­ziehen? Wir haben es nicht erfahren. Aller­dings stand der Kampf lange auf des Messers Schneide, und das schluss­end­liche 4,5-1,5 war mehr als geschmei­chelt. Es war vielleicht sogar unsere schwächste Leistung im Turnier.

Gegen wir die Bretter der Reihe nach durch. Ich entschloss mich mal wieder das angenommene Damen­gambit auszu­packen, lief in eine Vorbe­reitung meines Gegners (ein junger weißrus­si­scher IM) und griff kurz darauf im Endspiel fehl. Es glückte mir nicht die Ruine von einer Stellung zu vertei­digen. 0-1 aus Sicht der Schach­freunde also. Eine sehr schlechte Leistung und nie wieder QGA.

Auch an den anderen Brettern sah es nicht nur gut aus. Zwar sollten Alex und Rainer gewinnen, aber Marco war in einem Trompowsky in einen riesigen Angriff gelaufen und verkehrte in großen Problemen. Dennes stand gut---im Mittel­spiel vielleicht sogar gewonnen---, aber im entstan­denen Schwer­fi­gu­renend­spiel (Dame gegen zwei Türme) konnte aufgrund der Freibauern und relativ offenen Könige alles passieren. Und die Dynamik der Partie sprach gegen ihn.

Der Hammer war aber, was bei Henrik ablief. Im Mittel­spiel hatte er seinen Gegner mit 1600 Elo problemlos überspielt, aber unter Zeitdruck genügten ihm selbst “+7” nicht um den K.O.-Schlag zu versetzen (wobei solche Compu­ter­be­wer­tungen die prakti­schen Schwie­rig­keiten in scharfen Stellungen natürlich unzurei­chend wieder­geben). Einige nervöse Zeitnot­re­flexe später stand ein remis­liches, sicher nicht besseres Endspiel auf dem Brett.

Alex und Rainer gewannen wie erwartet, wobei Rainers Gegner mit glatter Minus­figur erst die Zeit ablaufen ließ und danach aufgab. Ich hatte meine Partie zu diesem Zeitpunkt schon beendet und machte eine auffor­dernde Geste in Richtung des gegne­ri­schen Spielers, worauf das dritte Brett von Overtime (Marcos Gegner, IM Sotsky) sofort aufstand und sich für das Verhalten seines Mitspielers entschul­digte. Sehr faire Geste! Kurz darauf stand es wirklich 2-1 für die Schach­freunde.

Die anderen drei Bretter gingen in die “Overtime”: die sechste Stunde. Dann geschahen Zeichen und Wunder. Marco war dem Angriff zwar längst entwischt und hatte ein gleich­ste­hendes, um nicht zu sagen totre­mises Endspiel auf dem Brett, aber sein Gegner ließ sich in die Defensive drängen, gab einen Bauern und verlor ein komplexes 3-2-Turmend­spiel. Dennes’ Partie war und blieb der helle Wahnsinn; aufgrund der Komple­xität der Stellung wechselten die Beurtei­lungen schnell. Schließlich stand das wahrschein­lichste Ergebnis (remis) auf dem Partie­for­mular. Am Ende gewann auch Henrik---oder vielmehr, sein Gegner verlor ein eigentlich unver­lier­bares Endspiel (Weiß: König g2 oder so, schwarz­feld­riger Läufer, Bauern e5, f4, h2; Schwarz: Kf7, Se6, Bauern f5 und h6). 4,5-1,5.

Mit diesem Ergebnis hatten wir unsere Pflicht­aufgabe erfüllt, auch wenn wir in den letzten Runden sicher keinen souve­ränen Eindruck hinter­ließen. Technik, die begeistert. Am Ende steht aber ein solides Resultat für die Schach­freunde (15. Platz) und eine Woche mit guter Stimmung und vielen Highlights abseits der Runden. Abend­liche Analy­se­runden und Strand­spa­zier­gänge. Boots­ausflug mit Abend­essen im nahege­le­genen Dorf. Schwimmen im Meer vor dem Frühstück, gerne auch mit schwung­vollem Eintauchen. Fußball­spielen mit Magnus Carlsen. Thera­pie­sit­zungen in Zimmer 377 mit (Najdorf-)Professor Seyb und dem Schach­spie­lerer­flüs­terer Doktor Baldauf. Und natürlich: “Kann ich mal ‘ne halbe Stunde den Laptop haben?” (Dennes Abel). Das Essen im Hotel war übrigens akzep­tabel, aber einseitig, die Zimmer komfor­tabel und die Aussicht grandios. Wir hoffen, dass wir uns gut für die anste­hende Saison warmge­spielt haben und dass wir 2019 einen Platz in den Top Ten anpeilen können---sowohl in der Liga als auch im Europa­pokal! Die Trainings­pläne sind jeden­falls erstellt; was im Alltag aus den guten Vorsätzen wird, muss hingegen noch offen bleiben.

Endstand nach 7 Runden

(Endstand nach 7 Runden, 61 Mannschaften)

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1 KommentarKommentieren

  • Martina Skogvall - 23. Oktober 2018 Antworten

    Echt fluffig geschrieben - vielen Dank für die Berichte, auch an Alex. Lasst Euch sagen, auch am Monitor war das Mitfiebern nicht immer stressfrei. Schön jeden­falls, dass Ihr die Schach­freunde inter­na­tional vertreten habt. Ich freue mich auf die BL-Saison!

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