Schauen verboten! Schachfreunde Neukölln mit Sweep zum ersten Europacupsieg

von am 23. September 2001 in ECC 2001, Europapokal

Schauen verboten! Schachfreunde Neukölln mit Sweep zum ersten Europacupsieg

Nach der aufrei­benden 1:5-Auftraktniederlage sannen die sechs Recken der Schach­freunde Neukölln in der zweiten Runde auf Revanche. Unter umgekehrten Vorzeichen waren die Haupt­städter diesmal der Favorit, da sie gegenüber ihren walisi­schen Kontra­henten vom Monmouth Minnows Chess Club an allen Brettern deutlich bessere Wertungs­zahlen aufweisen. Doch das will nicht immer etwas heißen; die Männer und die Dame von der Insel hatten in der ersten Runde dem in der Setzliste knapp vor den Berlinern rangie­renden polni­schen Team von Chess Association Plock immerhin zwei Brett­punkte abgenommen. Da der englische Mannschafts­ka­pitän, Chris­topher Dunworth, eine Mannschafts­meldung abgegeben hatte, in der die besseren Spieler nicht vorne gelistet sind, musste die voraus­sicht­liche Aufstellung von den Neuköllner „erahnt“ werden. Man lag fast richtig, dass das Team wahrscheinlich in der gleichen Besetzung wie am Vortag spielen würde. Ein Stunde am Laptop und ein Wasser­ball­match im Hotelpool mussten ohnehin ausreichen, nachdem vom Frühstück­tisch Kontakt mit Mittelsmann Otto Borik aufge­nommen wurde. Der Chefre­dakteur von „Schach­ma­gazin 64“ logiert im Crete Marine Hotel und wirft beim morgend­lichen Spaziergang einen Blick auf die Paarungs­ta­bellen.
Nachdem erst kurz vor Runden­beginn die Tisch­zu­weisung begann, konnte es mit etwas Verspätung losgehen. Alle in der Neuköllner Stamm­for­mation knieten sich unver­drossen in die Stellungen und schon bald zeich­neten sich Positi­ons­vor­teile ab. Hendrik Rudolf schlug daraus zuerst Kapital. Gegen die Philidor-Vertei­digung des erstmals spielenden John Trevelyan überführte er den Königs­springer bald nach f5. Auch die restlichen Figuren standen harmo­ni­scher - insbe­sondere die Läufer entfalten Druck von a2 nach f7 und auf g5 mit einer Fesselung des Springers f6. Um diese loszu­werden wählte der Ersatzmann von Monmouth aller­dings ein Entlas­tungs­ma­növer, bei dem er durch ein Schach auf f7 Haus und Hof verloren hätte. Ein früher Punkt nach knapp zwei Stunden war gesichert und Lars Thiede stand am Nachbarbrett bereits deutlich besser. Die 19-jährige Melanie Buckley blieb ihren Eröff­nungs­sys­temen treu. Am Vormittag hatte die Datenbank ausge­spuckt, dass sie in der Modernen Vertei­digung ein Fianchetto mit g3 und einen harmlosen Aufbau mit d3 bevorzugt. Die Idee mittels c5 in einen geschlos­senen Sizilianer überzu­gehen fasste Lars bereits um die Mittagszeit. Die Imple­men­tation gelang modellhaft: Raumvorteil am Damen­flügel, Einbruchs­felder für die Leicht­fi­guren und ein stellungs­ty­pi­scher Bauern­gewinn verdich­teten sich zu Drohungen gegen den weißen König und die Dame. Da half auch die Gegen­aktion des vorge­rückten Bauern über f4-f5-g6-f7 nichts mehr. Eine kurze Kalku­lation und der schwarze König verschanzte sich auf f8, derweil eine doppelte Drohung existent blieb. Angriff auf die weiße Dame auf g5 und Mattdrohung auf g2 durch den schwarzen Turm auf g3 waren nicht mehr zu parieren. Mit einem 2:0-Vorsprung schaute man gelassen der ersten Zeitkon­trolle entgegen. An Brett zwei konterte Rainer Polzin angespannt die takti­schen Drohungen des zweiten Buckley im Team, Melanies Bruder Simon. Dieser hatte in der Drachen­va­riante den Standard­auf­marsch mit b5 initiiert, die Qualität geopfert und allerlei Ideen entlang der schwarz­feld­rigen Diago­nalen. Mit einigen Königs­ma­növern wehrte sich der Neuköllner gegen Mattab­sichten und ließ nach der Zeitkon­trolle einfach seine Bauern­mehrheit am Damen­flügel abmar­schieren. Fast zeitgleich sicherte Martin Borriss effektiv und unspek­ta­kulär in einer geschlos­senen Stellung gegen den Trompowski von Dunworth den vierten Punkt.

Nun lag es an Stephan Berndt und Dirk Poldauf, ihren Beitrag zum ersten 6:0-Ergebnis des gesamten Turniers zu leisten. Der Journalist von „Schach“ hatte zwischen­zeitlich bereits ein Remis abgelehnt. Wie am Vortag war ein Turmend­spiel auf den Brett. Die abend­liche Tavernen-Analyse offen­barte zwar eine Reihe von Remis­wegen, doch der dritte der Buckley-Geschwister inves­tierte nicht ausrei­chend Zeit und Zähigkeit in die Vertei­digung. Beein­druckt von Dirks Vorwärts­drang mit eindrin­gendem Turm und König suchte David sein Heil in einer unmit­tel­baren Gegen­aktion am Königs­flügel. Dort standen aber g- und h-Bauern zu weit hinten. Die mächtigen Pendants auf b7 und d7 schüt­telten selbst den kiebit­zenden Wassili Iwant­schuk - die Aufgabe folgte prompt.

Damit lastete auf Stephan Berndt die Ehre, das Optimum zu komplet­tieren. Er hatte zwar im Mittel­spiel einen Bauern einge­sackt, doch beide Spieler trach­teten danach, dem anderen König an den Kragen zu gehen. In beider­sei­tiger Zeitnot­phase versam­melten sich das Publikum am Brett. Auch der Bericht­erstatter als Mannschafts­ka­pitän fand einen Platz auf einem Stuhl einen halben Meter vom Brett entfernt - gebannt verfolgten er seitlich hinter seinem Spieler das taktische Geschehen. Eigentlich kein Anlass zum Einschreiten, doch diesmal legte der griechische Schieds­richter sein Amt überkorrekt aus. Wo sonst erfreu­li­cher­weise deutlich und konse­quent auf überlautes Getuschel in den engen Gängen des Konfe­renz­saals reagiert wird, galt es nun einen neuen Störfaktor zu elimi­nieren. Mit Hände­winken und Abdrängen wurde klarge­macht, dass vermeintlich ein Verstoß geplant sein könnte. Zwar gibt es keine Regel dafür, aber es besteht die Möglichkeit, dass der Berliner Kapitän seinem IM ein wenig Hilfe offerieren will. Zu inten­sives Starren auf den erfah­renen Ameri­kaner James T. Sherwin ist in Zeitnot geeignet, einen Nachteil für den Mann zu bringen, der bereits in den 50er und 60er Jahren gegen Bobby Fischer spielte. Eine ungewöhnlich fürsorg­liche Prävention der ansonsten immer präsenten Schieds­richter.

Gar nicht anwesend war während der Spiel­runde die Leiterin der Öffent­lich­keits­arbeit. Angekün­digte Bulletins gab es nicht, Mannschafts- und Paarungs­listen konnten nicht ausge­druckt werden, weil keine Tinten­pa­trone vorhanden war, ein Inter­net­an­schluss funktio­niert nur spora­disch für Minuten - der besten Dank gebührt hier dem islän­di­schen Kollegen, der wieder und wieder die Einwahl versucht hat! Kurzum - Arbeits­be­din­gungen, die wenig geeignet sind, im Online-Zeitalter einen adäquaten Infor­ma­ti­ons­dienst zu gewähr­leisten. Aber es kann an dieser Stelle noch besser werden - die Griechen sind ja für ihre Gastfreund­schaft und Impro­vi­sa­ti­ons­kunst geschätzt.

 Ach ja, Stephan Berndt hat gewonnen - auch ohne Röntgen-Blicke seines Mannschafts­ka­pitäns. Sein Gegner bewies sogar ein feines Gespür für Selbst­ironie. Da nach der Zeitkon­trolle ein Matt nur durch großen Materi­al­verlust abzuwenden war. Zog er seinen König so hin, dass ein ästhe­ti­sches Mattbild aufgelegt werden konnte. Die Berliner feierten ein perfektes Score bei ihrem ersten Sieg auf europäi­scher Ebene - inklusive eines frühen Abmarschs zum Feiern.

Andere Zwischen­stände und Enter­geb­nisse waren beispiels­weise die 3:2-Führung von Werder Bremen gegen ASA Tel Aviv, wobei noch Rainer Knaak ein Turmend­spiel mit Minus­bauern vertei­digte. Sven Joachim sorgte mit seinem zweiten Sieg bisher für den einigen Gewinn im Match. Titel­ver­tei­diger Bosna Sarajevo gewann erneut 5,5:0,5 und wieder war es der unglücklich spielende Kiril Georgiev, der einen halben Punkt abgab. Die russi­schen Teams punkteten ebenfalls: Norilsky Nikel bezwang Alkaloid aus Mazedonien mit 4,5:1,5 und Gazovik errang einen 3,5:2,5-Erfolg über ULIM Moldava. St. Petersburg lag ebenfalls bereits klar in Front gegen Plock. Das ukrai­nische Team von Donbass erzielte ungefährdet ein 4:2 gegen Boavista. Polonia Warschau erreichte das Minimalziel, ein 3,5:2,5, wobei der einhei­mische Bartlomiej Macieja den Punkt machte, während die andern Großmeister mit fünf Remis absicherten.

Die richtigen Top-Duelle stehen noch aus. Dann müssen alle vorsichtig sein, ihren Gegner in Zeitnot zu intensiv anzuschauen. Auf Kreta hat man dafür einen scharfen Blick!

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