Heute Favorit, morgen eher nicht

von am 09.12.2017 in Nachrichten

Heute Favorit, morgen eher nicht

Samstag 14 Uhr: Im schönen Kursaal in Baden-Baden startet die 1. Mannschaft der Schachfreunde in die 5. Bundesligarunde gegen die SG Speyer-Schwegenheim. Morgen wird dann gegen den Tabellenführer Baden-Baden gespielt. Die Situation ist anhand der Aufstellung klar. Heute sind die Schachfreunde an den vorderen Brettern leicht, an den hinteren Brettern stärker favorisiert.

Schwegenheim gibt seinem aufstrebenden Nachwuchs die Chance, sich gegen stärkere Gegnerschaft zu beweisen. „Alte Hasen“ wissen ja noch gut, wie herrlich unbeschwert sie selbst als junge Leute zu Werke gingen und wie toll sich Favoritendemontagen anfühlten. So gesehen sind die jugendlichen, besonders motivierten Gegner nicht zu unterschätzen, zumal die ELO-Bewertung nichts über die Dynamik der Entwicklung eines Spielers aussagt. Mögen also alle gefordert werden, etwas aus den Partien mitnehmen, mögen die Schachfreunde am Ende gewinnen. :-)

Alle Partien können wie immer live verfolgt werden unter
http://schachbundesliga.de/liveportal

Schachfreunde Berlin    6 : 2    SG Speyer-Schwegenheim

Piorun, Kacper          1 : 0    Neiksans, Arturs
Mista, Aleksander       1 : 0    Kantans, Toms
Tomczak, Jacek          0 : 1    Meskovs, Nikita
Schneider, Ilja         ½ : ½    Shytaj, Luca
Jakubowski, Krzysztof   1 : 0    Yankelevich, Lev
Schreiner, Peter        1 : 0    Commercon, Simon
Baldauf, Marco          ½ : ½    Kraemer, Enrico
Lauber, Arnd            1 : 0    Mager, Denis

Schon nach 18 Zügen sieht es vielversprechend an Brett 2 für Aleksander aus. Sein Gegner hat in einer sizilianischen Partie mit entgegengesetzten Rochaden mit 15. f4 eine offenbar schwache Fortsetzung gespielt (die Datenbank umfasst 89 Partien mit der besseren Alternative 15. Lh6, wonach die Bilanz auch hier besser für Schwarz ausfällt). Nach dem Springertausch auf c4 und nachfolgendem 17. f5 Da5 sieht die Stellung schon ungut für Weiß aus: sein Angriff schlägt nicht durch, zwei Bauern eingebüßt, der Gegner hat das Läuferpaar und Schwarz holt nun seinerseits am Damenflügel aus. Aleksander opferte – absehbar – auf c3 eine Qualität, sein Angriff rollt. Das sieht schon ganz nach einem vollen Punkt aus.

Peter an Brett 6 scheint ebenfalls dem Sieg entgegenzuspielen. Sein Gegner hat eine Figur für zwei Bauern gegeben, allerdings hat Peter eine harmonische und viel aktivere Figurenaufstellung. Eher kommt der weiße König unter Beschuss als der schwarze – diese Partie dürfte Peter ohne Probleme nach Hause tragen.

Wild geht es an Brett 7 zu. Beide Spieler suchen die frühe Eskalation. Mit 7. Lxg5 gibt es ganze 11 Vorgängerpartien in der Datenbank – vielleicht finden in dieser superseltenen Variante eines Nimzoinders beide Spieler schon hier alle Züge selbst (?). Schwarz hat auf g4 eine Figur gegen zwei Bauern geopfert und wird den Weißen vermutlich eine ganze Weile quälen. Marco muss das aushalten, sich ab jetzt schneller entwickeln als der Gegner, seine Restbauern gut zusammenhalten und dann das Endspiel gewinnen. Wird schon.

Alle übrigen Bretter stehen nach etwa zwei Stunden relativ unaufgeregt gut.

Aleksander bringt die Schachfreunde schnell in Führung. Nach einer Abtauschphase stand ein gewonnenes Endspiel auf dem Brett. Schwarz hat hier wie aus dem Lehrbuch gezeigt, wie gefährlich diese Eröffnung für Weiß schon bei einer Ungenauigkeit werden kann und was für Ressourcen Schwarz hat.

Etwa 4 Stunden sind gespielt. Fast bzw. deutlich auf Gewinn stehen Kacper, Arnd und Peter. Dafür steht Jacek schlecht und muss leidend auf die Zeitkontrolle und das Überleben hinarbeiten (wer gestern Abend Carlsen gegen Nakamura ein verlorenes Endspiel erfolgreich ! hat remishalten sehen, ahnt, wie hart das psychologisch ist, stundenlang am Abgrund zu stehen, aber auch, dass eben oft noch was geht). Außerdem stand Carlsen gestern viel schlimmer als Jacek jetzt – ich habe noch Hoffnung!

Krzysztof hat den Spieß umgedreht und nun mehr vom Spiel, während Ilja und Marco einigermaßen balanciert stehen. Beeindruckend das Spiel von Marcos Gegner Enrico Krämer, der (noch) eine ELO von 2149 hat. Nur mit Dame und Springer gegen Dame, Springer und Läufer (also mit Minusfigur!) so viel Druck zu entfalten. Wollen wir hoffen, dass Marco die Partie zusammenhalten kann.

Marco hat’s geschafft, Remis und die 2½ : ½ Führung! Leider ist nun die Übertragung ausgestiegen, man sieht nur noch Partiestände um den 15. Zug herum… Dann schau ich solange mal, was sich in London tut. – Nepomniachtchi hat gegen Anand gewonnen und führt nun zusammen mit Caruana die Tabelle an, der heute Remis gegen So spielte. Carlsen scheint wieder mal nach schwieriger Partie gegen Adams den Remishafen zu erreichen. Das ist wohl nicht sein Turnier. (Nachtrag: Er hat gar noch gewonnen. Erstaunlich: Gewinnstellungen gewinnt der Weltmeister nicht und Verluststellungen hält er dafür Remis bzw. dreht sie gar noch.)

Jacek hat zwar die Zeitkontrolle geschafft, aber seine Stellung ist nun doch um einiges schlechter als die von Carlsen gestern. Die Partie wird er nicht halten können. Peter und Arnd haben jedoch gewonnen, Ilja remisierte. Das wird ein klarer Sieg für die Schachfreunde, denn es sind ja noch Punkte an den Brettern 1 und 5 zu erwarten.

Übrigens kämpft Dresden heldenhaft gegen Baden-Baden. Die Dresdener gingen durch einen Sieg von Nisipianu gegen Bacrot in Führung und könnten vielleicht einen Mannschaftspunkt machen, zumindest aber die Gastgeber schon mal weichkochen für morgen. :-)

Das Endergebnis steht fest: Der 6:2 Sieg für die Schachfreunde nach vollen Punkten durch Kacper und Krzysztof ist ein schöner Erfolg und sollte für den Wettkampf am Sonntag gegen Baden-Baden ermutigen.

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