Viktor Kortschnoi 1931-2016

von am 07.06.2016 in Funkspruch

Erst heute Abend Kasparows Erinne­rungen an Luzern 1982 nachge­lesen. Mit 75 zählte er noch zu den Top 100. Mit 85 ist er heute gestorben.

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2 KommentareKommentieren

  • Dirk Paulsen - 14.06.2016 Antworten

    Dann erzähle ich halt auch von meinen Begeg­nungen mit Viktor Kortschnoi, welche sich natürlich unaus­löschlich einprägen: bei der ersten hatte er, Viktor der Schreck­liche, in Berlin zugesagt, ein Uhren­han­dicap gegen eine Stadt­auswahl zu spielen, an 8 Brettern (falls es nicht eventuell doch 10 waren?). Jeden­falls war ich auch aufge­stellt für Berlin und fand es gar keine so dolle Idee. Welche sport­liche Bedeutung hätte ein Sieg? Und: ist es denn ein faires Duell? Ich meine zugleich, dass die Seite, welche die Vorgabe gibt, einen psycho­lo­gi­schen Vorteil hat. Insofern meine Zusage: von gemischten Gefühlen begleitet.
    Wir spielten dennoch, ich meine, damals im Hotel Ambassador, im Zentrum West-Berlins. Ich hatte Schwarz. Wir spielten zweieinhalb Stunden für 40 Züge, meine ich, damit der Meister doch etwas mehr Zeit hatte (aber es war natürlich auch eine gängige Zeitre­gelung, für inter­na­tionale Turniere). Sehr, sehr früh waren bereits zwei Partien entschieden. Man war höchst verblüfft: Alfred Seppelt, Berliner Meister 1955, aber zu diesem Zeitpunkt doch wohl über den Zenit hinaus, hatte gewonnen, und ebenfalls Detlef Berlin, welcher ebenfalls eher nur zur zweiten Garde der Spitzen­spieler zu zählen war. M-Klasse ja, aber eine höhere Platzierung blieb ihm doch in der Regel verwehrt. 2:0 für Berlin! Meine unguten Gefühle bekamen noch mehr Futter. Nein, das war kein faires Duell und ebenfalls keine für mich angemessene Spiel­si­tuation. Man zieht, während er an einem anderen Brett brütet (und vermutlich ebenfalls in Schwie­rig­keiten steckt), und sobald er da eine halbwegs befrie­di­gende Lösung gefunden hat -- wendet er sich nicht etwa der Partie vor den eigenen Augen zu sondern vielmehr zwei oder drei weiteren, während die Uhr unerbittlich gegen ihn tickt. Was soll das?
    So hatte sich Viktor auch bei mir bereits in einer umkom­for­tablen Lage befunden, als ich denn doch einen folgen­schweren, aber mehr als erklär­lichen Fehler beging und er die Partie zu seinen Gunsten drehte. Es stellte sich allmählich heraus: an allen anderen Brettern lief ähnlich (obwohl ich das Empfinden der Protago­nisten nicht wieder­geben kann) und am Ende hatte er lediglich ein einziges weiteres Remis abgegeben. Klar, sicher, man könnte es seinem schon damals unbän­digen Kampf­geist zuschreiben, dass er diese Schmach unbedingt abwenden wollte, von einer Stadt­auswahl besiegt zu werden. Mir persönlich hat das nichts gebracht und ich würde nicht ein weiteres Mal zusagen.

    Bei einer anderen Begegnung war es so:ich war eher zufällig (nämlich beruflich) in der Nähe einer größeren Schach­ver­an­staltung in Öster­reich. Robert Rabiega spielte dort und hatte mir also davon berichtet. So machte ich den Abstecher und traf alle möglichen Schach­größen an. Etliche Großmeister, so zum Beispiel auch Boris Gelfand, aber auch mir aus der Jugend bekannte deutsche Großmeister, wie Klaus Bischof und Stefan Kindermann. Kortschnoi spiele, meine ich, gegen Tiber Tolnai, einen Großmeister aus Ungarn. Er, Viktor, hatte sich eine tolle Stellung erarbeitet und man hatte damals natürlich noch immer allen Anlass, über seine vielen großar­tigen Schach­partien zu staunen und daraus zu lernen. Hier wartete man auf den ko-Schlag, dem gegne­ri­schen König zu Leibe zu rücken und ihn unwei­gerlich zur Strecke zu bringen. Nur wollte ich aus nächster Nähe schauen, sein Brett­ver­halten aber auch die Zugent­scheidung. Welchen würde er nun machen, wie würde er das verwerten, welchem Plan würde er nachgehen, von den vielen verlo­ckenden Möglich­keiten? Viktor machte einen höchst unerwar­teten Zug, Tolnai schlug Gegners Turn, der unwider­ruflich und vollum­fänglich weg war, ohne Kompen­sation, Viktor machte eine die Kapitu­lation anzei­gende Geste, natürlich im höchsten Unmut.
    So hatte der mehrfache Vize-Weltmeister doch eine gewaltige Menge des Respekts eingebüßt, zumindest in meiner Wahrnehmung. Er lief im Anschluss noch durch die anderen Bretter, hatte aber noch immer für diesen oder jenen herab­wür­di­gende Kommentare parat. Das ließ er sich nun wirklich nicht nehmen. Den richtigen Zug wusste er allemal -- und sonst keiner.

  • rolf schmidt - 11.06.2016 Antworten

    Ende der 80er Jahre, Berliner Sommer Turnier.
    Und Viktor Kortschnoi ist dabei!
    Ich bin in der Organi­sation tätig - etwas dolmet­schen Englisch / Franzö­sisch und Resultate entge­gen­nehmen und eintragen.
    Wird Viktor an meinen Tisch kommen? ‘Ich habe gewonnen’...
    Natürlich nicht, seine Resultate werden von den Helfern übermittelt.

    Aber dann, meine Chance!
    Der Grosse geht hinter mir vorbei und strebt den Toiletten zu - hinterher!
    Tatsächlich, da steht er...Ich stelle mich daneben, fasse Mut:
    ‘Und, Herr Kortschnoi, wie stehen Sie?’
    Abschät­ziger Seiten­blick, leichtes Schmunzeln.
    Und dann: ‘Ich stäähe IMMER guttt!’
    Er hat mich einer Antwort gewürdigt! Glücklich!
    Einmal mit Viktor am Becken gestanden!

    Ruhe in Frieden, Viktor!

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