Wie sollte man in Mannschaftskämpfen spielen?

von am 24. Januar 2016 in 2. Mannschaft, Planet Schach, SFB2 Saison 2015/16

Wie sollte man in Mannschaftskämpfen spielen?
Dr. Joachim Wintzer als Kommentator (anlässlich einer Bundesliga-Runde in Berlin)

Dirk Paulsen hat den Spiel­be­richt von Martina Skogvall zum Sieg der zweiten Mannschaft der Schach­freunde Berlin gegen Weisse Dame kommen­tiert. Dabei geht er auf meine Partie gegen Franko Mahn ein. Zur Schluss­phase der Partie schreibt er:

Um ehrlich zu sein erinnert mich diese Art der „Gewinn­führung“ des Dr. Wintzer an eine uralte Partie von Aaron Nimzo­witsch, aus Karlsbad 1929, als Nimzo­witsch – später Turnier­sieger vor Casablanca [gemeint ist sicher Capablanca], mit diesem halben Punkt – gegen Paul Johner eine totremise Stellung, ohne jegliche Perspektive, zig Züge weiter spielte, bis Johner, einfach so, ohne jegliche Motivation, anfing, eine Figur nach der anderen einzu­stellen, um Nimzo­witsch damit die Sinnlo­sigkeit seiner Fortsetzung auf bösartige, aber verderb­liche Art, vorzu­führen gedachte. Sicher, Punkt ist Punkt.

Wer kennt nicht diese berühmte Nimzo­witsch-Anekdote?

Nun, ich kannte sie nicht.

Und ich habe von und über Nimzo­witsch das eine oder andere Buch gelesen, darunter das Turnierbuch zum Karls­bader Turnier 1929.

Die von Dirk Paulsen erwähnte Partie verlief folgen­der­maßen:

Diese Partie konnte offen­sichtlich nicht gemeint sein.

Nach dieser Klärung fiel mir eine andere Begegnung zwischen John [sic!] und Nimzo­witsch ein. Diese hat eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit Paulsens Geschichte. Im Vorspann zu Nimzo­witschs „Mein System“ findet sich eine Lebens­be­schreibung des Autors aus der Feder von Jacques Hannak. Unter der Überschrift „Selbst­schä­digung“ finden sich einige Beispiele für Nimzo­witschs mitunter seltsames Verhalten:

Zu einem ebenso drama­ti­schen wie tragi­ko­mi­schen Zwischenfall kam es in Hamburg 1910 am Tage der Turnier­partie, die Nimzo­witsch mit John zu spielen hatte. Walter John war seines Zeichens Apotheker in einer Provinz­stadt und schon Goethe lächelt in „Hermann und Dorothea“ über den „würdigen Apotheker“, also den Typus wohlmei­nender Korrektheit und Ordnung. Gerade diese Art aber lehnte die anarchis­tische Lebens­auf­fassung eines Nimzo­witsch ingrimmig ab. Als Schach­spieler nur zweiten Ranges, tat sich der sonst recht freund­liche und liebens­würdige John um so mehr zugute auf seine staats­bür­ger­liche Woh1bestalltheit und den Ehren­kodex seiner Studen­ten­jahre. Was er für Nimzo­witsch war, das war umgekehrt Nimzo­witsch für ihn: ein Greuel.

Über das weitere erfahren wir aus Eduard Laskers Buch „Chess Secrets“ (Seite 104 f.):
Als Nimzo­witsch gegen John anzutreten hatte, kam er um 45 Minuten zu spät in den Turniersaal. John, der seinen ersten Zug gemacht hatte, ging im Raum nervös hin und her, sich vielleicht in der Hoffnung wiegend, daß Nimzo­witsch am Ende gar eine Stunde auf sich warten lassen werde. In diesem Falle hätte John die Partie kampflos gewonnen. Als aber Nimzo­witsch schließlich doch erschien – fünfzehn Minuten vor der Kontu­ma­zie­rungs­frist – ließ er durchaus nicht den Eindruck entstehen, daß er sich nun irgendwie zu beeilen habe. Anstatt sich zum Brett zu setzen, tat er wieder so, als ob er [...] ein brennendes Interesse für die Ölmale­reien an der Wand empfinde.
Er schritt von einem Bild zum anderen und prüfte jedes sorgfältig, obwohl er schon zwei Wochen lang täglich auf sie geblickt hatte. John merkte alsbald, daß Nimzo­witsch irgendwas im Schilde führe und wurde rot vor Zorn über die verach­tungs­volle Noncha­lance, mit der Nimzo­witsch Spiel und Gegner behan­delte. Endlich kam Nimzo­witsch zum Brett, machte seinen Zug, ohne sich nieder­zu­setzen, und ging sofort wieder fort, um sich weiterhin in das Studium der Gemälde zu vertiefen. Dies wieder­holte sich bis zum 16. Zug, und Nimzo­witsch verbrauchte osten­tativ dafür nicht mehr als fünf Minuten. Im 17. Zug bot er ein feines Bauern­opfer an und gewann neun Züge später die Qualität. John hätte ruhig aufgeben können. Aber er war so wütend, daß er justament 82 Züge lang weiter­spielte, bevor er endlich kapitu­lierte. Am nächsten Morgen schickte er zu Nimzo­witsch – zwei Sekun­danten, die eine Duell­for­derung überbrachten. Nimzo­witsch lachte die zwei Herren nur aus und erklärte ihnen, er sei zu einem Duell bereit, aber bloß einem mit den Fäusten. Er wies auf seine Muskeln und riet den Herren, John zu warnen. Damit war die Duell­ge­schichte in Lächer­lichkeit erstickt.

Vgl. Aaron Nimzo­witsch: Mein System. Ein Lehrbuch des Schach­spiels auf ganz neuar­tiger Grundlage, zweite verbes­serte Auflage, Hamburg  1965, S. 13 f.

Um mit Radio Eriwan zu sprechen: Ist der histo­rische Bezug von Dirk Paulsen zutreffend?

Im Prinzip ja, aber ...

  1. Nimzo­witsch spielte gegen John, nicht gegen Johner.
  2. Die Partie wurde nicht in Karlsbad gespielt, sondern in Hamburg.
  3. Es ging nicht um das Endspiel, sondern das Verhalten jenseits des Bretts in der Eröffnung.
  4. Es war John, der eine verlorene Stellung lange weiter­spielte, nicht Nimzo­witsch eine „totremise“.

Oder es war alles ganz anders: Dirk Paulsen hat Nimzo­witsch mit Tarrasch oder einem anderen Schach­spieler verwechselt und erinnerte sich an eine weitere, mir nicht geläufige Begebenheit.

Mit dem Vergleich wollte Dirk Paulsen sein offen­sicht­liches Missfallen ausdrücken, dass ich der Zugpflicht in einem Mannschafts­kampf genügte. Das ist sehr ungewöhnlich. Mein Gegner bot mir während der Partie zu keinem Zeitpunkt die Punkte­teilung an.

Prüfen wir zunächst seine Behauptung, die Stellung sei - wie bei der fiktiven Nimzo­witsch-Partie - „totremis“ gewesen:

Völlig unmoti­viert erscheint mir Franks Zug 102. (!!!) Kf2-e3, weil er bis dahin doch nur dafür Sorge zu tragen hätte, dass er auf jeden Bauern­vorzug des Schwarzen jeweils direkt die Blocka­de­stellung davor aufbaut, also auf den Zug g4-g3 mit König nach h3 reagieren kann und auf den Zug h4-h3 mit König nach g3. So wie er spielte -- König nach e3 -- konnte Schwarz zunächst die Bauern bis auf die zweite und dritte Reihe vorschieben und dann im geeig­neten Moment mit dem König einmar­schieren.

Falls jemand Dirk Paulsen eine Wette anbieten sollte, mit welchem Ergebnis ein Ausspielen dieser Stellung in einem Wettkampf zwischen Komodo und Stockfish enden würde, würde ich ihm von dem Tipp „remis“ – selbst bei einer Quote von 1 zu 100 – freund­schaftlich abraten. Matt in 16 Zügen - da könnte er einsteigen. Siehe die Variante:

Nun zeigt dieser Irrtum selbst­ver­ständlich nicht, dass die Partie nicht vorher haltbar gewesen wäre. Er zeigt indessen, dass selbst ein Dirk Paulsen die Partie hätte verlieren können, wenn er auf sein eigenes Urteil vertraut und den von ihm auch in der Analyse nicht als solchen erkannten Verlustzug gespielt hätte. So etwas kann immer geschehen, wenn man die korrekte Bewertung eines Endspiels nicht rekapi­tu­lieren kann, oder weil man sich verrechnet.

Ich war mir während der Partie sicher, dass das Endspiel nach dem Königs­marsch nach g3 gewonnen war. Aber nach acht Stunden Spiel mit nur noch einer Minute auf der Uhr alle Varianten sauber zu berechnen, das ist für beide Seiten nicht einfach. Daher hatte ich mich während der Partie schon darauf einge­stellt, erst den Damen­flügel aufzu­lösen, um Weiß das Reser­ve­tempo a2-a3 zu nehmen. Zugzwang konnte ja eine Rolle spielen. Auf diese Weise hätte ich zudem weitere Bedenkzeit hinzu­ge­wonnen. Als ich durch Hin- und Herziehen zwei Minuten angesammelt hatte, um das Endspiel zu berechnen, fiel mir auf, dass es mit dem Bauern auf g3 und h2 einfach gewonnen war. So gab ich meinem Gegner erneut die Gelegenheit, seinen König nach e3 zu ziehen, was er schon einmal im 98. Zug getan hatte. Hätte er dies vermieden, hätte ich einige Wartezüge gemacht, um genügend Zeit zu haben, das Bauern­rennen zu berechnen. Nicht einmal, sondern sicher­heits­halber dreimal!

Wenn selbst ein starker Spieler wie Dirk Paulsen in diesem simplen, angeblich „totre­misen“ Endspiel zu völlig falschen Schluss­fol­ge­rungen kommen kann, dann ist seine Ausgangs­be­hauptung natürlich unhaltbar. Die Stellung war haltbar, aber nicht „totremis“. Als „totremis“ würde ich eine Stellung bezeichnen, die ich ohne Nachdenken gegen Magnus Carlsen halten würde. Ich habe das Läufer-Springer-Endspiel für objektiv haltbar einge­schätzt, mir aber dennoch Chancen ausge­rechnet. Während der Partie berechnete ich mehrfach Varianten, die zu einer Verän­derung der Bauern­struktur geführt hätten. Da diese in meinen kurzen Varian­ten­be­rech­nungen nicht gewinn­bringend waren, lavierte ich weiter.

Wenn es der Mannschafts­kampf erfordert hätte, wäre ich auch das Risiko einer persön­lichen Niederlage einge­gangen, um den Verlust des Mannschafts­kampfs abzuwenden. Dabei geht es nicht darum, den Gegner „über die Zeit zu heben“, was mit der Bedenk­zeit­re­gelung in der Oberliga (Inkrement von 30 Sekunden pro Zug) sowieso nicht möglich wäre. Sondern es geht darum, Probleme zu stellen.

Auf der Homepage von „Weiße Dame“ findet sich ein Bericht aus der Perspektive des Gastgebers. Der Kapitän der Mannschaft, Kai Gerrit Venske, fasst die Schluss­phase folgen­der­maßen zusammen:

So war es Franko an Brett 4 gegen FM Joachim Wintzer überlassen, in Seeschlange Nr. 2 zumindest das Remis zur schluss­endlich (mindestens) verdient gewesenen Punkte­teilung zu erzielen. Dieses hätte er per Zugwie­der­holung kurz vor meinem eingangs erwähnten Sieg schon einmal haben können, unterließ dies aber aufgrund der bis dahin unklaren Kräfte­ver­hält­nisse. Im Endspiel blieb ihm nun bei beider­seits weitgehend aufge­brauchter Zeit nichts weiter übrig, als bei gegen­seitig ziemlich verschach­telten Bauern­ketten und einem gegne­ri­schen Springer mit seinem Läufer alles dicht­zu­halten, bis sein Gegner schließlich in den Tausch der Leicht­fi­guren einwil­ligte, weil er anders nicht mehr vorankam. Dann noch ein präziser Königszug mit Verbleib in der Brett­mitte, und das Remis wäre wohl unaus­weichlich gewesen- aber nach 8 Stunden übersah Franko das Zwischen­opfer eines gegne­ri­schen Bauern, das zum Einbruch des Königs führte und zu einem faszi­nie­renden Endspiel, das sein Gegner mit großer Ruhe und Übersicht zum Sieg führte. Wie glücklich unsere Gegner den Ausgang des Kampfes bewertet haben, kann der begierige Leser gerne in dem angenehm objek­tiven Bericht von Martina Skogvall auf des Gegners Homepage nachver­folgen, der insbe­sondere die Dramatik der beiden letzten Partien gut wiedergibt.

Mein Respekt für den sportlich fairen Gegner.

Als langjäh­riger Schach­freund habe ich eine andere Auffassung als Dirk Paulsen, was Mannschafts­kämpfe angeht. Die Stärke der Schach­freunde – insbe­sondere in der ersten Bundesliga – beruht darauf, dass sie sich als Mannschaft präsen­tieren. Wenn der Mannschafts­kampf an einigen Brettern schlecht steht, erhöhen die anderen Spieler das Risiko an ihren Brettern. Ein leicht besseres Endspiel an einem Brett mit Elovorteil einfach remis zu geben, wäre meines Erachtens gegenüber den Mannschafts­ka­me­raden unsportlich. Diese müssten dann unter schlech­teren Bedin­gungen die Last tragen, einen möglichen Rückstand auszu­gleichen.

Während der Partie nahm ich an, dass mein Gegner irgendwann einmal eine dreimalige Stellungs­wie­der­holung hätte rekla­mieren können. Man hätte mir nach der Partie vorwerfen können, dass ich darauf nicht geachtet habe. Dafür fehlte mir aber die Bedenkzeit. Solange das zweite Brett nicht remisiert hatte, mochte mein Remis unsere Niederlage besiegeln. Wenn ich Dirk Paulsen richtig verstehe, hätte er an meiner Stelle remis angeboten. Ihm wäre es egal gewesen, ob der Mannschafts­kampf dadurch verloren gegangen wäre. Haupt­sache, er hätte sein Selbstbild eines fairen und untade­ligen Sports­manns gewahrt.

Das will ich ihm nicht nehmen. Statt einer Duell­for­derung schildere ich nur meine Perspektive.

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  • Dirk Paulsen - 25. Januar 2016 Antworten

    Lieber Joachim,
    schönen Dank für die intensive Recherche und die gewisse Aufklärung meiner Oberfläch­lichkeit und Dummheit. Ich meine das auch sehr ehrlich: ich entschuldige mich. Aller­dings habe ich in fortlau­fenden Kommen­tie­rungen auch zu dem Bericht von Martina -- welchen ich ebenfalls ausdrücklich lobe -- bereits darauf aufmerksam gemacht: die Dummheiten und Irrtümer liegen ausschließlich auf meiner Seite.

    Die Motive, fortlaufend Züge auszu­führen können ausge­sprochen unter­schiedlich sein. Ich finde es ja ebenso ausdrücklich positiv, dass die Weltelite uns ständig vorführt, dass auch in für unseren Verstand ausge­glichen erschei­nende Stellungen ständig Potenzial für Überra­schungen bieten. Das Nachspielen der Partie sorgte dennoch eine Weile lang für eine gewisse Verdrieß­lichkeit, weil keine rechten Fortschritte, auf dieser und auf jener Seite, auszu­machen waren. Zum Nachspielen fühlte ich mich berufen, nachdem ich den ersten (bereits dümmlichen) Kommentar abgesendet hatte, in welchem mir kein klarer Zusam­menhang zwischen Diagramm 1 und Diagramm 2 erschienen war und ich -- parallel dazu -- auch das so oberflächlich im Kopf analy­sierte Bauernend­spiel noch einmal etwas genauer durch­ge­rechnet hatte: gab es da nicht doch eine Möglichkeit zum Weiter­spielen?

    Die zitierte Partie von Aaron Nimzo­witsch war weder jene gegen John noch gegen Johner. Ich habe als Jugend­licher Turnier­bücher erworben und diese Partie für Partie durch­ge­spielt. Es gab dort garan­tiert eine von Nimzo­witsch, in welcher er den Gegner auf die von mir beschriebene Art besiegte. Das prägte sich mir als 14 oder 15-jähriger ein. Leider konnte ich mich seitdem nicht mehr erinnern, gegen wen es war, und diese Parte auch nicht noch einmal finden (wer würde schon eine derartig langweilige Partie veröf­fent­lichen wollen?). Ich hatte auf alle Fälle die Turnier­bücher von Karlsbad, San Sebastian und St.Petersburg (1911, 1914 und 1929), vielleicht aber noch ein paar mehr. Könnte mir da vielleicht jemand weiter helfen?

    Ich hoffe, meine Entschul­digung ansonsten wird angenommen?

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