Wie geil war das denn!

von am 05.04.2013 in Nachrichten, Planet Schach

Wie geil war das denn!

Mittwoch, 27. März 2013, vormittags. Ein trostlos-frostiges Oster­wo­chenende steht vor der Tür. Aber immerhin sorgte die Aussicht auf einen spannenden Endspurt zwischen den beiden Ex-Schach­freunden Magnus Carlsen und Levon Aronian beim Kandi­da­ten­turnier in London für ein wohliges Gefühl. Also statt Eiersuche im Schnee 4-6 Stunden pro Tag vor der Online-Glotze.

Hm....

Aller­dings...

Könnte man nicht ...

Wäre es nicht eine gute Idee, wenn...

Jawoll! Das ist es. Ab auf die Insel für ein paar Tage und Schach live vor Ort gucken. Und in London war ich auch seit 30 Jahren nicht mehr gewesen. Also die Netz-Maschine angeworfen und gesucht. Überra­schen­der­weise fand ich dann noch ein für Londoner Verhält­nisse günstiges Hotel: angeb­liche 3***, 50 Pfund pro Nacht inklusive (rudimen­tärem) Frühstück, dafür sehr sauber und verkehrs­güns­tigtig an der U-Bahn-Station Earls Court gelegen. D. h. nicht nur direkte Verbindung zum Flughafen sondern auch ohne Umsteigen zum Spiel­lokal an der Themse. Schnell noch online zwei Eintritts­karten für die Schluss­runden am Sonntag und Montag geordert (vor verschlos­senen Türen wollte ich dann ja nicht stehen) und den Flug gebucht.

Es drohte die große Langeweile

Tja, das war die Situation am Mittwoch. Am Donnerstag abend habe ich dann ziemlich geflucht. Verlor Levon Aronian doch unerwartet gegen Peter Svidler und Magnus hatte plötzlich einen ganzen Punkt Vorsprung. Schlimmer noch: in der folgenden Runde hatte es Carlsen mit Weiß mit Vassily Ivanchuk zu tun. Den hat er sowieso immer sicher im Griff und bei der bishe­rigen Leistung von Chuky in diesem Turnier war alles andere als ein voller Punkt doch ziemlich unwahr­scheinlich. Levon hatte es dagegen mit Vladimir Kramnik zu tun. Hier war ein Remis das wahrschein­lichste Ergebnis, ergo hätte Magnus zwei Runden vor Schluss einen vollen Punkt Vorsprung gehabt. Spannend sieht anders aus.

Es kam aber anders: Magnus verlor sensa­tionell gegen Ivanchuk und Aronian beging in einer hochspan­nenden Partie den letzten Fehler und verlor. Plötzlich war Kramnik alleine mit einem halben Punkt Vorsprung in Führung. Was ist schlimmer, ein langwei­liges Wochenende oder die Aussicht auf einen erneuten Wettkampf Anand-Kramnik? Egal, Kampf­schach war für die Ostertage damit garan­tiert!

Am Oster­sonntag gings dann in der Frühe Richtung Flughafen. Zum Glück hatte ich am Vorabend noch die Tages­schau geguckt, denn die Infor­mation, dass in der Nacht die Uhr vorge­stellt wurde, war dann doch nicht ganz unwichtig. Um 10.30 Uhr Ortszeit landete ich in London, brachte den Koffer ins Hotel und war überpünktlich um kurz nach 13.00 Uhr im Spiel­lokal (Runden­beginn 14.00 Uhr).

Very british - Schlangestehen an der Sicherheitskontrolle

In dem Gebäude der „Insti­tution of Engeniering and Techno­logie“ IET standen drei Räume für die Veran­staltung bereit. Rechterhand eine kleine Cafeteria mit Ticketshop und Bücher­stand, linkerhand der Raum der Kommen­ta­toren sowie das „Lecture Theater“, die dem gespielt wurde. Elektro­nische Geräte (Handys, Kameras oder gar Laptops) durften nicht mit in den Spielsaal gebracht werden (dafür gab es eine Garderobe mit abschließ­baren Spinden). Kontrol­liert wurde das wie am Flughafen mit Metall­de­tek­toren. Im Saal selber konnte dann aber mit von Samsung gestellten Tablet-PC und der eigens für das Turnier entwi­ckelten Software „Chess Casting“ die Partien verfolgt werden. Ebenso konnte der Video-Livestream verfolgt und den Kommen­ta­toren per Kopfhörer gelauscht werden.

In manchen Kommen­taren wurde die Meinung geäußert, dass dies doch eigentlich der vorher­ge­henden Leibes­vi­si­tation wider­sprechen würde. Aller­dings liefert Chess Casting keine Varianten, die man den Spielern per Blick­kontakt übermitteln könnte, noch ist die Bewer­tungs­funktion der Software so ausge­reift, dass ein halbwegs vernünf­tiger Super-GM darauf etwas geben würde. Gleiches gitl für die Varienten der Kommen­ta­toren, die (fast) immer ohne Engines gearbeitet haben. Der beste Beweis dafür sind die Presse­kon­fe­renzen nach den Partien. Was die Spieler da alles an Varianten gezeigt haben war ein ganz anderes Niveau. Das soll natürich in keinster Weise die Leistung der Kommen­ta­toren schmälern. Aber die habe halt praktisch nie die Möglichkeit, sich mal in Ruhe in eine Stellung reinzu­denken. Und die vorin­stal­lierte Software zu verlassen und ins Internet zu gehen war (zumindest auf normalem Wege - ich habs natürlich versucht) nicht möglich.

Manchmal muss man halt durch reine Willenskraft gewinnen

Zum schach­lichen: zu Beginn der Runde sah alles nach Kramnik aus. Er brachte in einer tausende Male gespielten Variante der Grünfeld Indischen Vertei­digung im 5. Zug (!) eine Neuerung. Allen war zwar klar, dass dieser Zug die Erfingung von Ernst Grünfeld nicht widerlegt. Doch Gelfand neigt ja auch dazu, gerne mal sehr tief in eine Stellung einzu­dringen und Zeit zu verbrauchen, die ihm am Ende gerne mal fehlt. Genau so kam es auch. Carlsen hingegen mit den schwarzen Steinen kam gegen Radjabov eher gedrückt aus einer Nimzo-Indischen Eröffnung heraus. Das ist für Carlsens Spiel aller­dings normal. Und (wie üblich) verbes­serte er Zug um Zug minimal seine Stellung. Aller­dings hielt der in diesem Turnier völlig indis­po­nierte Radjabov noch alles zusammen.

Wie so oft in dem Turnier wurde es zur Zeitkon­trolle hin hektisch. Hier wurde nämlich ohne Zeitgut­schrift pro Zug gespielt (bzw. erst ab der zweiten Zeitkon­trolle nach dem 60. Zug). Es gab also Zeitnot­schlachten wie in der guten alten Zeit. Hier sah es zunächst so aus, als ob Kramnik in den von  Gelfand angezet­telten Kompli­ka­tionen die Oberhand behalten sollte. Als alle Gelfand aber schon abgeschrieben hatten, fand er mit 38... Td8 den rettenden Gegen­an­griff. Witzi­ger­weise hatte in der Partie zunächst Kramnik beide Türme auf der 7. Reihe, in der Schluss­stellung war es dann Gelfand, der so das Dauer­schach forcierte.

Zu dem Zeitpunkt war Carlsen immer noch am spielen. Seine Stellung hatte sich seit dem 25. Zug eigentich nicht verändert. Er hatte dank der gesün­deren Bauern­struktur einen ideellen Vorteil. Aber Radjabov überstand die erste Zeitnot­phase beim 40. Zug. Und er überstand auch die 2. Zeitnot­phase beim 60. Zug (es war immer nur Radjabov in Zeitnot, Magnus hatte ein dickes Zeitpolster). Danach gab es noch einmal 15 Minuten und 30 Sekunden pro Zug hinzu. 20 Züge später waren auch die aufge­braucht und Radjabovs Vertei­digung brach zusammen. Carlsen hatte mit Kramnik gleich­ge­zogen. Der sonst so coole Norweger reagiert mit einer doppelten „Becker-Faust“ und fiel außerhalb des Spiel­saals seinem Manager freude­strahlend in die Arme.

Drama in der Schlussrunde

Denn die letzte Runde sollte doch jetzt nur noch Formsache sein. Bei Punkt­gleichheit sprach die Tiebreak-Regelung für Carlsen. Und dieser hatte Weiß gegen Svidler während Kramnik nun - ganz entgegen seinem Naturell - mit den schwarzen Steinen nach Siegchancen suchen musste. Sein einziger Vorteil: er spielte gegen den unbere­chen­baren Ivanchuk, der in dem Turnier bereits fünfmal die Zeit überschritten hatte.

Beim Abend­essen mit Dirk Poldauf, der für die Zeitschrift SCHACH vor Ort war, wurde dann für fleißig die Strategie für die beiden Führenden disku­tiert. Und wir waren uns auch ziemlich schnell einig. Carlsen würde gegen Svidler 1.e4 spielen und dann ein Spanier mit d3 aufs Brett kommen würde. Zum einen garan­tiert das eine lange Partie (je nachdem, was bei Kramnik passiert), zum anderen beherrscht Carlsen diese Variante wie kein zweiter.

Schwie­riger war die Prognose bei Kramnik. Würde Chuky 1.e4 spielen? Dann könnt er nicht zu seinen Haupt­waffen Russisch und Berliner Mauer greifen, weil die zu remis­lastig sind. Kramniks Sizilia­nisch-Zeiten liegen auch lange zurück und sein letzter Ausflug nach Süditalien in der letzten Runde des WM Duells mit Anand in Bonn (ebenfalls eine Must-win-Situation) waren alles andere als erfolg­reich. Blieb die Pirc-Vertei­digung, die Kramnik in den letzten Jahren gegen schwä­chere Gegner ab und zu mal ausge­packt hat.

Und so kam es dann auch. Aller­dings über den „Umweg“ 1.d4 d6 2.e4. stellt sich die Frage, ob Kramnik gegen 2.c4 Königs­in­disch gespielt hätte...

Im weiteren Verlauf bekam Kramnik das, was er wollte. Objektiv stand er zwar schlechter, aber Chuky verbrannte - mal wieder - viel Zeit in der Eröffnung und die Stellung war so, das alle drei Ergeb­nisse möglich waren. Und das der Druck an Carslen in dieser letzten Runde nicht spurlos vorbei ging, sah man auch seiner Körper­sprache an. Während er sich sonst auch mal scheinbar gelang­weilt im Sessel fläzt, sass er diesmal ziemlich angespannt am Brett. Hinzu kam, das Svidler m. E. ziemlich bequem aus der Eröffnung heraus kam.

Auch spielte Magnus bei weitem nicht so zügig wie sonst. Kurz vor dem 30. Zug war es sogar so, dass er weniger Zeit hatte als Ivanchuk in der parallel verlau­fenden Partie - und das will was heißen! Zum Schluss waren es sogar nur noch 10 Sekunden für 8 Züge. Beim ziehen fielen Magnus sogar noch Figuren um, was zusätzlich Zeit kostete. Bei diesem Zeitdruck war es kein Wunder, dass die vielleicht sogar leicht bessere Stellung sich unter dem Angriff von Svidler in eine Ruine verwan­delte. Magnus spielte noch etwas weiter. Aber nur solange, so sagte er auf der abschlie­ßenden Presse­kon­ferenz, bis er sich sicher sein konnte, das auch Kramnik verlieren würde.

Denn der unbere­chenbare Ivanchuk spielte in diesem Turnier sozusagen zum zweiten Mal das Zünglein an der Waage und besiegte nach Carlsen nun auch den Co-Sieger Kramnik. Er opferte einen Bauern am Königs­flügel, um somit die Angriffs­chancen des Schwarzen auf dieser Seite des Brettes zunichte zu machen. So konnte er sich gemütlich dem zerrüt­teten schwarzen Damen­flügel zuwenden. In dieser Phase konnte sich Kramnik nach eigener Aussage nicht entscheiden, ober er auf Remis oder Gewinn spielen soll, war die Stellung bei Carlsen zu dem Zeitpunkt noch völlig unklar war.

Diese Unent­schlos­senheit nutzte Chuky konse­quent aus. Nach der Zeitkon­trolle war die schwarze Stellung verloren. Vassily inves­tierte noch einmal 25 Minuten und arbeitete den optimalen Gewinnweg heraus.

Nun kommt es - angeblich im November - zum Duell zwischen Magnus Carlsen und Vishy Anand. Wo steht noch nicht fest. Nach den tollen Tagen in London werde ich mir aber auch das nicht entgehen lassen. Sofern die WM nicht gerade in Indien statt­findet...

 

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