Garri ist da!

von am 28. September 2003 in ECC 2003, Europapokal

Garri ist da!

Der Europa­pokal für Vereins­mann­schaften bei Retymno auf Kreta ist eine der stärksten Veran­stal­tungen des Jahres. Wenn nicht die stärkste. Denn es wurde wahr, was zuletzt wieder etwas unklar erschien. Die Teilnahme des kurzfristig nachge­mel­deten Garri Kasparow für den russi­schen Mannschafts­meister Ladja Kasan. Gegen den belgi­schen Vertreter Rochade Eupen hätte Kasparow sicher pausiert, wenn an dessem Spitzen­brett nicht der Großmeister und ehemalige Russe Wladimir Tschut­schelow gesessen hätte. „Ich fühle mich normal. Ok, etwas nervös bin ich vielleicht schon“, sagte Tschut­schelow, als er gemeinsam mit etwa einem Dutzend um dieses Brett versam­melten Fotografen auf die Nummer 1 der Weltrang­liste wartete. Kasparow kam, sah und siegte. In der zweiten Runde spielt Kasan gegen eine durch ein Freilos nach oben gespülte britische Freizeit­mann­schaft. Falls Thomas Clarke (Elo 2128) sich Hoffnungen gemacht hatte, gegen Garri Kasparow (Elo 2830) zu spielen, so wurden diese enttäuscht. Aber auch Dortmund-Gewinner Viktor Bologan ist ein ziemlich schwerer Brocken für den Waliser.

Ein Wunder ist Kasparows Teilnahme auch wegen der katastro­phalen Spiel­be­din­gungen in dem viel zu kleinen und schlecht akkli­ma­ti­sierten Spielsaal im Hotel Kreta Star. Während seiner laufenden Partie kam Alexej Schirow zu mir und sagte: „Ich habe seit zehn Jahren nicht mehr unter so schlechten Bedin­gungen gespielt!“ Es klang so wie „Schreibe unbedingt, was hier abläuft!“ Was ich hiermit getan habe. Auch die Hotel­frage ist ein Skandal. Da die Spiel­er­hotels überbucht sind (!), mussten viele Teams auf andere Herbergen ausweichen. Gemäß den Veran­staltern gleicher Qualität. Austria Graz mit Mannschafts­ka­pitän Kurt Fahrner ist angesichts von Schim­melpilz und weiterer Missstände anderer Meinung und hat Protest eingelegt. Aber wenn sich eine Mannschaft selbst ein Hotel sucht, muss sie eine „Gebühr“ von 1400 Euro zahlen oder wird vom Turnier ausge­schlossen.

Die Schach­freunde Neukölln wurden in der ersten Runde zum Duell gegen „Drita Chess Club“ in einen Kellerraum verbannt. Uns war klar, dass die Albaner im Gegensatz zur Papierform ein weit unange­neh­merer Gegner sein würden als Teams aus Irland oder Wales, die wir in den Vorjahren meist zu null geschlagen hatten. Nach dem Glanzsieg von Martin Borriss schien es dann doch halbwegs glatt zu laufen. Doch dann verlor ich gegen einen von zwei Albanern ohne Elozahl - den jungen Murtez Hondozi. 1:1! Die restlichen vier Partien waren allesamt hart umkämpft. Als Stephan Berndt seinen Mehrbauern im Endspiel nicht verwerten konnte, lag durchaus eine Niederlage im Bereich des Möglichen, denn Lars Thiedes einstig klar bessere Stellung hatte sich vorüber­gehend in eine Verlust­stellung verwandelt. Nachdem Rainer Polzin (im Turmend­spiel) remis spielte, rettete sich Lars ins Dauer­schach, wonach es Henrik Rudolf vorbe­halten blieb, den knappen Mannschaftssieg von 3,5:2,5 aus dem Feuer zu reißen.

Schon während des Matches war der albanische Teamchef auf mich zugekommen: „Wir sind nicht so schlecht, wie unsere Elozahlen“, erklärte mir Dr. Faik Shatri, der gleich­zeitig General­se­kretär des Schach­ver­bandes von Kosovo ist. Das Team kommt aus der Stadt Theranda und ist die beste Mannschaft Kosovos. Murtez Hondozi (mein Gegner!) ist der amtie­rende Landes­meister und steht ab dem 1. Oktober mit seiner ersten Ratingzahl von 2340 zu Buche. Für die Kossovaren war es die erste inter­na­tionale Bewäh­rungs­probe. 1990 wurden sie („nach der serbi­schen Okkupation 1989“ Faik Shatri) aus der jugosla­wi­schen Liga verbannt. Fortan gab es kaum noch Spiel­mög­lich­keiten. Der Spieler an Brett zwei, der heute mit einer Zahl von 2205 auflief, hatte damals noch 2380. In ganz Kosovo gibt es derzeit 30 Rating­spieler.

Unser nächster Gegner heißt Tomsk-400-Ykos und kommt aus Sibirien. Das allein klingt schon schlimm genug. Erst recht, wenn man die Anset­zungen liest: Polzin-Khalifman, Morose­witsch-Berndt, Borriss-Kobalija, Bjelo­serow-Poldauf, Thiede-Filipow, Landa-Rudolf. Immerhin haben wir im letzten Jahr gegen das vergleichbar starke Team von Ladja Kasan ein 3-3 geschafft. Aber Wunder geschehen nicht alle Tage...

NAO Paris-TZ Trinec 5,5-0,5, Limhamns SK-Bosna Sarajewo 2-4, Ladja Kasan-Rochade Eupen 6-0, Skolernes Aarhus-Nikel Norilsk 1-5, Tomsk 400-Jyväskylä 6-0, Sparkasse Gleisdorf-Kiseljak 0-6, Polonia Warschau-Hellir Reykjavik 6-0, CRE Liege-St. Petersburg 0-6, Corpora Martin-Asker SK 5,5-0,5, Austria Graz-Clichy 0-6, Tbilissi-Kydon SC 3,5-2,5, Joensu SK-Beer Sheva 0,5-5,5, Alkaloid Skopje-Heraklion 6-0, SK Glasinac-Zalae­gerszeg 0,5-5,5, Werder Bremen-de Sprenger Echternach 5-1 (McShane-Boidman 0-1, Hracek-Körholz 1-0, Babula-Brittner 1-0, Knaak-Trauth 1-0, Joachim-Oberweis 1-0, Meins-Corbin 1-0), TED Ankara-Polfa Groddzisk 2-4, Momot SK-Tscha­turanga Wien 5,5-0,5, Cardiff SK-Eynatten 1-5, Shlomo Tel Aviv-Witebsk 4,5-1,5, Drita Therandä-SF Neukölln 2,5-3,5 (Fejzullahu-Polzin remis, Nujupi-Berndt remis, Makoli-Borriss 0-1, Hondozi-Poldauf 1-0, Idrizaj-Thiede remis, Bytyqi-Rudolf 0-1) , Wesnjaka Minsk-Nidum Liberals 5,5-0,5, Phibsboro-Barbican SK 0,5-5,5.

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