Durchgereicht! Schachfreunde Neukölln verpassen gegen die griechischen Gastgeber von AO Kydon Chania eine gute Platzierung

von am 28. September 2001 in ECC 2001, Europapokal

Durchgereicht! Schachfreunde Neukölln verpassen gegen die griechischen Gastgeber von AO Kydon Chania eine gute Platzierung

Der Schweizer-System-GAU ist für die Schach­freunde Neukölln einge­treten. Nach dem Vorschluss­run­den­aus­rut­scher gegen den weißrus­si­schen Vertreter Vesnianka verlor man in der Final­runde gegen das starke Team des Ausrichters AO Kydon Chania. Mit einem Wertungs­durch­schnitt von knapp 2500 Wertungs­punkten galten die Gastgeber als Favorit in dieser Begegnung, obwohl auch sie insgesamt nicht die hohen lokalen Erwar­tungen erfüllen konnten. Mit 20 Brett­punkten erzielten sie in der Endab­rechnung sogar deutlich weniger indivi­duelle Punkte als die Berliner, die 23 Punkte bilan­zierten, aber eben nur 6:8 Mannschafts­punkte. Mit Platz 25 in der Schluss­ta­belle blieben die Haupt­städter ebenso wie der zweite deutsche Vertreter Werder Bremen hinter den Erwar­tungen zurück. Dennoch war kurz vor Bundes­li­ga­beginn am ersten Oktober­wo­chenende die Teilnahme für beide Teams wegen zweier heraus­ra­gender Leistungen von Einzel­spielern, einer Reihe von guten Partien und dem attrak­tiven Spielort die Reise wert. Bei den Bremern erzielte der Braun­schweiger Mathe­ma­tik­student Sven Joachim nerven­stark mit 5,5 Punkten aus sieben Partien seine erste Großmeis­ternorm, obwohl er eigentlich noch dabei ist, den Titel des Inter­na­tio­nalen Meisters zu erwerben. In Neuköllner Reihen errang Lars Thiede die Goldpla­kette für das beste Einzel­er­gebnis an Brett fünf, in dem er ungeschlagen sechs Punkte aus sieben Partien holte.

Doch ein überra­gender Spieler allein reicht nicht im Sechser-Team. Wie bei allen knappen Kämpfen konnten die Neuköllner diesmal in entschei­denden Momenten nicht aussichts­reiche und teilweise gewonnene Stellungen zu ihren Gunsten entscheiden. Wie in einer Reihe von anderen Begeg­nungen herrschte am letzten Spieltag auch in der deutsch-griechi­schen Ansetzung eine besonders nervöse Atmosphäre, denn drei Spieler hatten noch die Möglichkeit, mit einem Sieg Normen zu erzielen. Stephan Berndt benötigte für eine Großmeis­ternorm einen Sieg gegen Hristos Banikas und auf der anderen Brett­seite strebte Stelios Halkias das gleiche Ziel gegen Rainer Polzin an. Außerdem wollte Dimitrios Mastro­va­silis gegen Lars Thiede versuchen, voll zu punkten, um eine IM-Norm zu reali­sieren. Aber am Ende des Tages standen alle ohne etwas da.

Stephan Berndt riskierte am Topbrett gegen die Paulsen-Variante, die fast durchweg im Team von Kydon gespielt wird, ein neues Konzept mit Lg5, doch nach dem Tausch des Läufers gelang es dem schwarzen König immer wieder, auf den schwarzen Feldern zu entwi­schen. Außerdem harmo­nierten die Schwer­fi­guren des griechi­schen Großmeisters am Damen­flügel besser zusammen. Materi­al­gewinn und Figuren­fes­se­lungen besie­gelten das Schicksal des Jurastu­denten nach dreieinhalb Stunden.

Der 0:1-Rückstand aus Berliner Sicht sollte noch eine Weile Bestand haben, denn mangelnde Zähigkeit konnte man der Berliner Truppe nicht nachweisen. Erst nach fünfeinhalb Stunden stellte Martin Borriss seine Bemühungen gegen den mehrfachen Fide-Knockout-WM-Teilnehmer Igor Miladi­novic ein. Dieser stammt aus dem ehema­ligen Jugoslawien und hat neben seiner Einbür­gerung scheinbar auch gleich noch die Paulsen-Variante natura­li­siert. Dem ausge­wie­senen Experten konnte unser Dresdener Computer-Spezialist wenig entge­gen­setzen. Wieder war die Koordi­nation von Dame und Turm der ausschlag­ge­bende Faktor. Kurz nach dem 0:2 Rückstand folgte eine weitere Ernüch­terung. Henrik Rudolf hatte das Vergnügen, gegen die hübsche Maria Kouvatsou antreten zu dürfen. Im knappen Sommer­kleid verwirrte ihn die braun­ge­brannte ehemalige Mädchen­welt­meis­terin am Brett wenig. In einer Sizilia­ni­schen Partie landete man schließlich in einem Turmend­spiel, welches für Schwarz optisch zwar besser aussah, doch ziemlich bestimmt setzte die Frauen­groß­meis­terin ihre Züge - auch in Zeitnot - dagegen. Die Punkte­teilung war im Bauernend­spiel unver­meidlich, ebenso wie das gemeinsame Erinne­rungsfoto beim Abschluss­bankett.

Damit rückte ein zählbarer Mannschafts­erfolg für die Berliner in weite Ferne. Pünktlich nach sechs Stunden endeten Schlag auf Schlag zwei Partien, in denen die Berliner sich in ihren Spezi­al­sys­temen mehr erhofft hatten. Lars Thiede schöpfte seinen Optimismus aus dem wohlver­trauten Figuren­aufbau im Eigen­patent, dem g3-„Anschleicher-System“. Aber mit jedem Figuren­tausch rückte in der ersten Zeitnot­phase ein Turmend­spiel näher, in dem die Remis­breite nicht mehr überschritten wurde. Anders bei Rainer Polzin am zweiten Brett. Gegen einen Eröff­nungs­patzer von Halkias wickelte er in ein Turmend­spiel mit Mehrbauer ab, das sicher irgendwo gewinnbar war. Doch auch diesmal kam trotz inten­sivster Rechen­leistung nicht die richtige Idee zu Tage. Selbst in Zeitnot fand der Grieche den letztlich auch für ihn enttäu­schenden Weg zur Punkte­teilung. Damit hatten die Berliner das letzte Mannschafts­match bereits verloren; Dirk Poldauf stellte mit seiner Endspiel­routine nach 400 Minuten Spielzeit in einem Sprin­ge­rend­spiel das 2:4-Endergebnis her. Zwar hatte Efstratios Grivas - als noch alle Türme auf dem Brett waren - scheinbar die Initiative, doch der Journalist der Zeitschrift „Schach“ fand jeder Zeit die passende Antwort, ein Schach einzu­streuen.

In Einzel­per­for­mance gestaltete sich das Turnier für die Neuköllner wie folgt: Berndt (3,5/7), Polzin (3/7), Borriss (3/7), Poldauf (4/7), Thiede (6/7) und Rudolf (3,5/7).

Im Bremer Lager war man auch nicht ganz zufrieden. Im Duell der Fußball­vereine Werder gegen Boavista Futebol Club wurde das Spitzen­brett mit Zbynek Hracek ebenso „gerupft“ wie Lars Schan­dorff und Rainer Knaak. Neben Sven Joachim siegten in dieser Begegnung, in der alle Partien von Weiß gewonnen wurden, noch Vlastimil Babula und Yannik Pelletier. An der Spitze kam es nicht mehr zu Sensa­tionen. Norilsky Nikel schob nach einer halben Stunde gegen Danko Donbass aus der Ukraine die Figuren zusammen. Die Russen haben insgesamt einfach die beste Leistung geboten und das homogenste Team gehabt mit Sergei Dolmatov (3/4), Alexander Grischuk (5/6), Sergei Rublewski (5,5/7), Vadim Zviag­intsev (5/7), Wladimir Malakhow (5/6), Alexander Rustemow (3,5/6) und Igor Glek (2,5/4). 13 von 14 Mannschafts­punkte kamen zusammen und eine Punkt­aus­beute von 29,5. Ungefährdet errang Polonia Warschau den Silberrang mit 12 Mannschafts­punkten und 26,5 Brett­punkten. Auf den Bronze­platz hievte sich Gazovik mit 11 Mannschafts­punkten und 27 Brett­punkten. Auf der Zielge­raden verloren haben Donbass als Vierter mit 11 Mannschafts­punkten und 25 Brett­punkten und St. Petersburg, die jeweils nur ein 3:3 schafften. Die Truppe um Alexander Chalifman schaffte nur das Remis gegen Beer Sheva. Schwach­stellen war der ehemalige Fide-Weltmeister selbst, der im Mittel­spiel gegen Boris Avrukh Remis gab und Alexander Volkov, der von Viktor Mikalevski wegkom­bi­niert wurde. Durch diesen Ausrut­scher konnte Titel­ver­tei­diger Bosna Sarajevo noch auf Platz fünf vorstoßen, weil sie den Neuköllner Vorschluss­run­den­gegner Vesnianka mit 6:0 abfer­tigten. Bei jeweils 10 Mannschafts­punkten hatten die Bosnier mit 29,5 Brett­punkten das bessere Ende gegenüber den St. Peters­burgern mit 25 Brett­punkten.

Obwohl die anschlie­ßenden Dankes­reden nach 22 Uhr und üppigem Büffet am Pool des Crete Marine Hotel etwas langatmig ausfielen, wurden um Mitter­nacht in fröhlicher Runde allerlei bleibende Erinne­rungen auf Foto gebannt. Das Motto „Gens una sum“ hatte sich wieder einmal bestätigt. Leider wartet morgen der Rückflug ins deutsche Regenland, aber in einigen Tagen soll es bereits wieder heiße Kämpfe geben.

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